Pressespiegel

Speeddating mit Politikern, Nordfriesland Tageblatt, 27.04.2019

Partei-Vertreter und Erstwähler trafen in der Nordsee-Akademie in Leck aufeinander

LECK „Ding-dang-dong!" Den Gong-Klängen folgen Stühlerücken und noch schnell beendete Sätze. Für rund 50 Schüler heißt es: weiterziehen zu einem anderen Tisch, denn der nächste Politiker wartet schon. In der Nordsee-Akademie in Leck ist Speeddating angesagt. Es geht allerdings weniger darum, die große Liebe und Partner fürs Leben kennenzulernen. Obwohl: Die 14 Politiker an den Tischen hoffen sehr wahrscheinlich schon, dass sich die Erstwähler langfristig an die Parteien binden und nicht nur für diese eine Europawahl.
In Deutschland treten 41 Parteien und Gruppierungen zur Europawahl am 26. Mai an; 14 Vertreter haben sich auf den Weg nach Leck gemacht. „Ich bin gerne hierhergekornmen. Gerade junge Menschen sind noch so neugierig und oft auch unverblümt - erfrischend", findet Piraten-Spitzenkandidat Patrick Breyer.
Die rund 50 Schüler der Beruflichen Schule in Niebüll oder des Berufsbildungszentrums Schleswig sind vor allem eins: gut vorbereitet. Sie haben sich freiwillig für das mehrtägige Seminar für Erstwähler in Leck gemeldet und in Workshops mit Titeln wie ‚Wirtschaft und Finanzen" oder „Außen- und Sicherheitspolitik" ihr Wissen erweitert. Darüber hinaus haben die Erstwähler Einblicke in die Arbeitsweise europäischer Institutionen und das EU-Wahlsystem bekommen.
„Dieser Abend ist das absolute Highlight", sagt Nordsee-Akademie-Leiter Aaron Jensen. Denn jetzt haben die Schüler die Chance, ihr neues Wissen, Fragen und Kritik in der direkten Diskussion mit den Politikern anzuwenden. Und auch die Politiker sollen ausdrücklich die Gelegenheit nutzen, sich zu präsentieren. "Wir wollen Sie nicht unter Druck setzen, aber wir haben schon eine Testwahl durchgeführt und werden direkt nach dem Speeddating noch einmal zur Wahl bitten", sagt Aaron Jessen, der sich bei den Politikern, die teilweise stundenlange Anfahrtswege auf sich genommen haben, für „diese enorme Wertschätzung" bedankt.
Dann geht es los. Klimaschutz und Plastikmüll, Uploadfilter und Datenschutz sind nur einige Themen, die die jungen Menschen bewegen. Auch mit Stellungnahmen zu Flüchtlingspolitik und Grenzkontrollen sehen sich die Politiker konfrontiert, und auch mit der Frage, warum die EU denn überhaupt beibehalten werden soll. "Wir müssen hochkomplexe Matheaufgaben lösen können, aber politische Bildung kommt im Lehrplan viel zu kurz", klagt eine Schülerin im Gespräch mit den Grünen. Am Tisch der Partei der Humanisten wird über Menschenrechte sowie Insektenburger und im Labor gezüchteten Fleisch diskutiert. Bei Die Partei wird viel gelacht, auch wenn sich manche Fragesteller nicht ernst genommen fühlen mögen. Aber dieses Risiko ist bei einer erklärten Satire-Partei wohl als gegeben zu akzeptieren.
„Ich muss das jetzt erstmal alles sacken lassen", ist das Fazit des 19-jährigen Daniel aus Leck nach dem Gesprächsmarathon. „Es hat sich gezeigt, was man eigentlich schon weiß: Dass die Politiker sehr gut darin sind, viel zu reden." Dennoch wirkt er recht zufrieden mit den Antworten, die er auf seine Fragen erhalten hat. Und: „Man hat ja sonst nicht die Gelegenheit, an die Politiker heranzukommen. Das war schon echt gut."
Nach dem Speeddating haben bei der abschließenden Testwahl zwei Parteien die Nase vorn: Die Piraten steigern sich von 3 auf 8 Stimmen und insgesamt 16,67 Prozent. So viel erreichen auch Die Grünen, die allerdings vor dem Speeddating noch fünf Stimmen mehr für sich verbuchen konnten. Die Partei steigert sich von 2 auf 6 Stimmen und damit 12,50 Prozent. Von 0 auf 10,42 Prozent schafft es die Ökologisch-Demokratische Partei, 10,42 Prozent erreicht auch die FDP. Für die Linke stimmen 8,33 Prozent der Berufsschüler ab, jeweils 6,25 Prozent entfallen auf Die Humanisten, Demokratie in Europa (DiEM25) und die Familien-Partei Deutschlands.
Und CDU und SPD? Die haben an diesem Abend eindeutig das Nachsehen. Vor dem Speeddating konnte die CDU immerhin noch zwei Erstwähler überzeugen, in der finalen Testwahl stimmt niemand mehr für die Christdemokraten. Die SPD erreichte vorab 10 Stimmen und 20 Prozent der Erstwähler, nach den Gesprächen gibt es nur noch eine Stimme für die Sozialdemokraten.
Wie die Europawahl tatsächlich ausgehen wird, steht noch in den Sternen. Berufsschüler Daniel jedenfalls muss nicht lange überlegen, bevor er auf die Frage antwortet, ob er am 26. Mai wählen gehen wird. „Ja, das glaube ich schon", sagt der 19-Jährige.

aus Nordfriesland Tageblatt vom 27.04.2019